Titel: Ueber das Gedeihen des Zukerrohres in Frankreich, und über die falsche, schädliche Bestimmung der Möglichkeit gewisse Pflanzen zu ziehen nach der mittleren Temperatur eines Ortes.
Fundstelle: Band 47, Jahrgang 1832, Nr. XXX., S. 142
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XXX. Ueber das Gedeihen des Zukerrohres in Frankreich, und uͤber die falsche, schaͤdliche Bestimmung der Moͤglichkeit gewisse Pflanzen zu ziehen nach der mittleren Temperatur eines Ortes. Ueber den Zukerrohrbau in Frankreich. Der Verfasser der Brochuͤren uͤber die Errichtung von Zukerrohr-, Kaffee- und Baumwollpflanzungen in Frankreich, von denen wir im polyt. Journ. Bd. XLII. S. 220 eine kurze Notiz gaben, hat nun neuerdings eine Abhandlung uͤber die Vortheile und die Leichtigkeit der Einfuͤhrung der Cultur der nuͤzlichsten Tropengewaͤchse in Frankreich bekannt gemacht. Er sucht in dieser Abhandlung, die sich auch im Agriculteur manufacturier September 1831 (Mai 1832) S. 231 befindet, vorzuͤglich hervorzuheben und zu beweisen, wie falsch es ist, die Moͤglichkeit der Cultur gewisser Pflanzen in gewissen Gegenden nach der mittleren Jahrestemperatur derselben zu bestimmen, und welche große Nachtheile bisher fuͤr die Landescultur daraus erwuchsen, daß dieses, von dem troknen, alle Versuche verachtenden Theile der Gelehrten als mathematisches Axiom aufgestellte System allgemeinen Glauben fand. Nach Humboldt, sagt der ungenannte Verfasser, ist die mittlere Temperatur Frankreichs 11 bis 13°, waͤhrend die fuͤr die Cultur des Zukerrohres und Kaffeebaumes noͤthige mittlere Temperatur auf 18 bis 20, jene fuͤr den Oehlbaum auf 13 bis 14, und jene fuͤr die Rebe auf 10 bis 11° Centigr. angegeben wird, so daß hienach die Cultur des Zukerrohres und des Kaffeebaumes in Frankreich geradezu unmoͤglich waͤre. Die Gelehrten, sagt er ferner, haben als allgemeine Regel aufgestellt, daß fuͤr das Gedeihen gewisser Pflanzen gewisse mittlere Temperaturen noͤthig sind, und daß nur wenige, wie z.B. das Getreide, welches unter den verschiedensten Temperaturen waͤchst, eine Ausnahme von dieser Regel machen. Er kehrt daher auch den Saz um, und sagt, daß alle Pflanzen unter mehr oder weniger abweichenden Temperaturen gedeihen, und daß nur eine sehr geringe Anzahl derselben besondere Climate zu ihrem Wachsthume erheischen. Taͤglich, sagt er als Beweis fuͤr diese paradoxe Behauptung, sehen wir, daß unsere Gaͤrtner neue Gewaͤchse acclimatisiren, die sie fruͤher sorgfaͤltig unter Glas verwahrten, und noch auffallender kann man dieses in China finden, wo man in den noͤrdlichen Gegenden noch eine Menge suͤdliche Pflanzen zieht und ziehen kann, weil man mit den Treibhaͤusern, die die Organisation der Gewaͤchse schwaͤchen, keinen solchen Mißbrauch trieb, wie bei uns. Wenn in den Haͤnden unserer Gaͤrtner und Botaniker, faͤhrt er fort, wenn in den meisten botanischen Gaͤrten selbst eine Menge jener Pflanzen nicht fortkommen, die bei uns wild wachsen, was kann man da von den uͤbertriebenen und nur zu oft verkehrten Sorgfaltsmaßregeln, mit denen sie auslaͤndische Gewaͤchse behandeln, oder vielmehr mißhandeln, erwarten? Wir wollen dem Verfasser hier nicht durch alle seine Ideen und Behauptungen, an denen uns Falsches mit Wahrem gepaart zu seyn scheint, folgen, und bemerken daher nur noch, daß auch er angibt, daß von allen den Gemuͤsen und Gewaͤchsen, die von Europa nach den Antillen verpflanzt wurden, daselbst nur die zartesten gedeihen; daß sie dort saͤmmtlich eine laͤngere Zeit zu ihrer Reife brauchen, als bei uns, und daß sie nur selten ihre Samen zur Reife bringen. Er erklaͤrt dieß dadurch, daß man in jenen Laͤndern durchaus nicht jene Kraftanstrengungen der Vegetation trifft, die bei uns auf die Winterruhe folgen, sondern daß daselbst eine immerwaͤhrende, durch die bestaͤndige Hize und Feuchtigkeit aber entnervte Vegetation Statt findet, so daß der Aufschwung, den dieselbe zu gewissen Jahreszeiten erreicht, viel unmerklicher ist, als in anderen Climaten. – Ohne hier auf eine Berichtigung oder Widerlegung aller dieser Behauptungen eingehen zu wollen, muͤssen wir nur bemerken, daß der Hr. Verfasser in seiner ganzen Abhandlung auf die Hoͤhe der Orte uͤber der Meeresflaͤche und auf die Verschiedenheit des Bodens, von welchen beiden Dingen die Verbreitung der Pflanzen uͤber unserem Erdballe beinahe eben so sehr abhaͤngt, als von der mittleren Temperatur und der Laͤnge und Breite einer Gegend, wenig oder gar keine Ruͤksicht genommen hat. Wenn nun auch wir hievon Umgang nehmen, und uns bloß an die mittlere Temperatur halten wollen, so glauben wir doch behaupten zu koͤnnen, daß alle jene Pflanzen der Tropenlaͤnder, die nur die Dauer des zweiten Theiles des Fruͤhlinges, jene des Sommers und des Herbstes brauchen, um zur Reife zu gelangen, in unseren gemaͤßigteren Gegenden mehr oder weniger gut fortkommen und gebaut werden koͤnnen, wenn man ihnen den gehoͤrigen Boden anweist; daß hingegen alle jene Pflanzen, die ihr Wachsthum oder ihre Reife nicht in obiger Zeit vollenden, und bei denen eine bestaͤndige Vegetation Statt hat und Statt haben muß, zur Cultur fuͤr unsere Gegenden im Großen nicht taugen. Wir sehen Hunderte von Beispielen fuͤr dieses Gesez in unseren Gaͤrten, in deren Beeten es von oft- und westindischen und anderen tropischen Gewaͤchsen wimmelt; wir haben selbst an mehreren unserer Feld- und Kuͤchengewaͤchse, die aus waͤrmeren Climaten zu uns kamen, an den Kartoffeln, der Tabakspflanze, dem Mais, dem Mohne etc., den schlagendsten Beweis dafuͤr. Man hat daher, wenn es sich in einem kaͤlteren Clima um die Cultur einer tropischen Pflanze handelt, die ihren Vegetationscyclus in 5–6 Monaten zuruͤkzulegen vermag, oder die in dieser Zeit wenigstens zu dem Grade von Reife gelangt, der sie zu bestimmten Zweken tauglich macht, allerdings auf die mittlere Temperatur dieser Gegend zu sehen; allein nicht auf die mittlere Temperatur des ganzen Jahres, sondern auf die mittlere Temperatur der Fruͤhlings-, Sommer- und Herbstmonate. Nach diesen Betrachtungen ist es allerdings wahrscheinlich, daß das Zukerrohr, welches keine Samen zur Reife zu bringen, sondern nur einen Staͤngel zu entwikeln hat, welches sich sehr leicht aus Knospen fortpflanzen laͤßt, und dessen Wachsthum aͤußerst rasch ist, wie man selbst an den verkruͤppelten Exemplaren desselben in unseren Glashaͤusern sehen kann, in vielen Gegenden des mittleren Europa's bei gehoͤriger Behandlung mehr oder weniger gut gedeihen wird. Versuche, die nicht sehr kostspielig waͤren, wuͤrden dieß leicht erweisen; aus solchen Versuchen allein kann auch nur hervorgehen, ob der Bau des Zukerrohres, wenn dasselbe auch bei uns mit Ueppigkeit wachsen sollte, auch wirklich vortheilhafter ist, als jene der Runkelruͤben oder anderer Gewaͤchse, ob dessen Gehalt an Zukerstoff bei uns derselbe, oder ein geringerer seyn wird, u. dgl. m. Es ist kaum zu erwarten, daß diese Versuche in botanischen oder oͤkonomischen Gaͤrten zuerst werden gemacht werden, da deren Vorstaͤnde oft keinen Sinn fuͤr das Technische haben, oder da diese Anstalten unter der Tutele von Leuten stehen, die weder die Sache noch den Zwek derselben kennen, deren Eitelkeit keine Belehrung zulaͤßt, und die daher bestaͤndig an den pecuniaͤren Mitteln dieser Institute abzwaken und an den sachkundigen Vorstaͤnden Hofmeistern wollen. Es waͤre daher am besten, wenn einige wohlhabendere Guͤterbesizer am Rheine sich entschließen moͤchten, einige Versuche anzustellen, die sie nicht viel kosten wuͤrden, und die vielleicht doch fuͤr ganz Europa von großem Nuzen werden koͤnnten. Noch viel geeigneter duͤrften wohl die suͤdlichen, ungarischen Donaugegenden, deren reiche Guͤterbesizer wir fruͤher schon hierauf aufmerksam machten, fuͤr den Zukerrohrbau seyn. Die Art und Weise, auf welche der Zukerrohrbau in Amerika getrieben wird, ist in so vielen Reisebeschreibungen, und in so vielen Werken genau und ausfuͤhrlich beschrieben, daß sich Jedermann leicht die gehoͤrigen Kenntnisse hieruͤber zu verschaffen im Stande seyn wird. Einige Andeutungen gaben wir selbst schon in der oben erwaͤhnten Notiz, im Bande XLII. dieses Journales.